September 2009
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Bahnhofshölle

Etwa fünzig Meter vor mir hob sich das Dach. Wie von Geisterhand bewegt, stieg es halbhimmelhoch empor um dann an die genau gleiche Stelle zurück zu plumpsen. Dies war das Ereignis, welches nicht nur meinen Tag einschneidend veränderte, sondern auch den Tag aller Andern.-

Gerade eben bin ich doch in den hintersten Doppelstockwagen eingestiegen. Tief  versunken in das Bewusstsein, dass mein heutiger Tag ein spezieller sein würde. Plötzliche Schreie hoben mich aus der Tiefe der Gedanken. Wie ein Artist der auf dem Trapez in die Höhe gezogen wird, tauchte ich stetig in die Kuppel der realen Welt auf. Vor uns standen die Wagen nicht mehr auf dem Geleise. Eine grosse Staubglocke verhinderte besseres Erkennen. Schemenhaft reihte sich das Unglück vor uns auf. Während unser Wagen noch am selben Platz stand, Gott musste
uns gnädig gewesen sein, war der sonstige Schienenalltag total durcheinander gebracht. Und allmählich konnte man das Ausmass der Verwüstung erkennen. Die Detonation hatte die ehemalige Bahnhofshalle in den Vorhof der Hölle verwandelt. –
Mein Gemütszustand rutschte vom Regen in die Traufe. Hatte ich geradeebennoch gedankenverloren über die erfolgreiche Durchlebung meines Tages nachgedacht, zog mich das aktuelle Geschehen nun flutwellenartig in einen schockartigen Zustand. Anstatt mich weiterhin am Strand der guten Gedanken sonnen zu können, steckte mein Gewissen ohne bei mir nachzufragen ein neues Tagesziel ab. Langsam und leise zog es mich zu der Erkenntnis hin, dass weiteres Träumen nun nicht mehr erlaubt ist. Dabei hatte der Tag doch so gut angefangen. Alles hatte gestimmt an diesem morgen. Der Hund liess mich nicht ohne freudige Begrüssung aufstehen. Der Lärm den ich in der Küche verursachte muss für meine Familie weckermässig gewesen sein.  Und die Kinder zankten sich schon kurz nach dem Aufstehen. Hervorragend war also der Tagesbeginn. Schliesslich war da auf dem Weg zur Arbeit noch die -häschmer än Stutz- Frage. Unüblich war nur die Erhöhung auf Franken zehn.
Jetzt, fünf Minuten nach der Detonation, musste ich meine Einstellung überprüfen. Einfach abschleichen und weiter romantisieren wäre möglich, aber nicht förderlich für ein frohes Gewissen. Da war nur der schockartige Zustand in den ich gefallen war. Ihn musste ich abstreifen, um nicht wie ein Breakdancer zu wirken, der in seinen Zuckungen erstarrt ist.  Schliesslich ging es darum, wie das Küken das Ei zu verlassen und sich der Realität zu stellen. Die Glocke zum Wachwerden hatte geschlagen. Ächzend schälte ich mich also aus der nicht selbstverschuldeten Lethargie. Erste Hilfeleistung war gefragt. Schliesslich war unser Wagenteil unversehrt geblieben. Ich und die andern-  wir stürmten nun aus dem Wagen. Das heisst, ich, infolge persönlicher Datenverarbeitung, ein bischen später. Aber nicht zu spät um jemandem Hoffnung zu bringen. Beseelt stürmte also auch ich aufs Perron. Meine Erste Hilfe galt nicht einem Verunglückten, sondern einem Sitznachbarn. Kaum dass er draussen war, fiel er hin. Mir scheint er hat seine Gedankenverlorenheit nicht bewältigt. Wie sonst kann es sein, dass er auf den Anblick nicht gefasst war. Ich legte ihn also in die Lage aus der ich kam  und kümmerte mich um das weitere…

3 Responses to “Bahnhofshölle”

  1. Chrigel Says:

    du schribsch fett!!! weiterso!

  2. Camila Says:

    Tolle Kurzgeschichte! Wann gibt es mal eine längere? Bin gespannt!

  3. jhome Says:

    Danke fürs Feedback. Geschichten dichten, ich werds richten…

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